IFSS Dryland Weltmeisterschaft 2017

IFSS Dryland Weltmeisterschaft 2017

IFSS Dryland Weltmeisterschaft 2017

Willkommen in Polen zur IFSS Dryland Weltmeisterschaft! 22 Stunden später und 1000km weiter sind wir endlich um 21 uhr abends an der Wettkampfstätte im polnischen Kozle angekommen. Natürlich mit vielen Pausen und einem längeren Zwischenstopp bei einem Freund, der uns noch zwei Hunde von sich mitgegeben hat, man kann ja nie genug Hunde dabei haben. Allerdings standen wir Dienstagabend vor verschlossenen Toren, anreise erst morgen um acht Uhr hieß es von der Putzfrau,  die wir glücklicher Weise vor der Tür abgefangen haben. Liebenswert wie ich die Polen kenne, ich muss es wissen, bin mit einer halben verheiratet, ließ sie uns doch auf das Gelände. Das Problem an der Sache, Schlamm und noch mehr Schlamm!! Kaum ein Durchkommen zum deutschen Stakeout, bis mir ein netter Pole zurief, VOLLGAS. 20m später steckten wir fest. Ratlosigkeit auf zehn polnischen Gesichtern. Also abkoppeln, Auto aus dem Dreck schieben, dann Wohnwagen mit vereinigten Kräften hinterher, ankoppeln und weiter mit Schwung übers Maisfeld zum deutschen Eck. Auf der Hälfte nochmal im Schlamm gesteckt, gleiche Prozedur, diesmal mit German Girl Power, noch einmal.  Abkoppeln, schieben, ankoppeln und welche wunder, wir hatten unseren Platz gefunden. Nur noch aufbauen und dann ab ins warme Bett…Wir und die Hunde natürlich.

Mittwoch waren wir froh, schon unseren Platz gefunden zu haben, man kann sich denken, wir kamen kaum durch den Modder,  wie sollen es dann 200 nach uns kommende dann schaffen. Na mit polnischen Trekker, zumindest die kleineren Fahrzeuge, alles was an die 7 Tonnen reichte, musste an einen anderen Ort ausweichen, wie das halbe deutsche  Team, da es einfach keinen Platz mehr im deutschen Viertel gab.

Schnell war klar, es gab eine Streckenänderung, der Start- und Zielbereich wurde verlegt, Wiese unter Wasser.

Nichts desto trotz machten wir uns auf, die Strecke zu erkunden. Rauf aufs Bike, unsere Pace und Cleo, die nicht zum Einsatz kamen, mit im Freilauf. Aus dem vorher viel kritisierten “einfachen” flachen Kurs, wurde in viele Passagen eine technisch anspruchsvolle und sehr tricky zu fahrende 6,6km Schlitterpartie. Jule, die immer sehr akribisch vorgeht, checkte jede Kurve und arbeitete die besten Linien durch den Matsch aus… allerdings wurde die Strecke leider immer wieder durch dort fahrende Fahrzeuge verändert und weiter verschlechtert. Ich versuchte, so gut wie nur irgend möglich, ihr mit Rat und Tat zu helfen. Danach hieß es für mich noch Hunde testen. Jenk und Lucy, unsere zwei Gasthunde sollten eigentlich mit mir an den Start gehen, zumindest einer von beiden. Aber eines habe ich diese Saison gelernt, einen geeigneten Leihund, speziell für Canicross zu finden, ohne die Möglichkeit zu haben, sich mindestens einen Monat mit ihm Vorzubereiten, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Und es kam, wie es kommen musste, wie schon bei der EM in Italien und der DM in Reisenbach, sobald ich die Hunde an die Leine nehme, stehen sie neben mir und warten darauf, dass ich sie an irgendetwas mit Rollen dran hänge. Also wieder keinen Hund für mich.

Donnerstag, offizieller Trainingstag. Wir dürfen auf die Strecke mit Hund. Da Training auf Grund der Streckenlänge einfach zuviel gewesen wäre, nahmen wir Schoko an die Leine und schauten uns das ganze zu Fuß an. Die letzten zwei Tage hat es nicht geregnet, dadurch konnte man eine kleine Verbesserung der Strecke feststellen, aber knifflige Passagen in denen man Knöcheltief in den Modder sank, vor allem in den Kurven, waren immer noch präsent. Jetzt kam es darauf an, dass Schoko die Strecke kennen lernt, Jule sieht, welche Linie Schoko wählt. Alle waren natürlich in irgendeiner Art und Weise unterwegs und wir haben viele NonStop Dogwear Teampartner getroffen, uns ausgetauscht und gegenseitig Tipps gegeben.

Nach der Bike Strecke nahm Jule den 3,5 km lange Canicrosscours nochmal mit Lisa unter die Füße. Ich durfte derweil nochmal drei Hunde von deutschen und schweizer Gespannfahrern ausprobieren, es blieb dabei, kein Hund hatte große Lust mit mir zu laufen.

Jule derweil nochmal aufs Bike und ich ab in die Küche zum Nudelkochen, Sportler haben doch immer Hunger und was gibt es schöneres, gemütlich im Wohnwagen zu sitzen und mit Freunden zu quatschen und zu essen.

Die Tage bis zum ersten Start am Freitag eher suboptimal. Wenig Schlaf, Erkältung im Anmarsch und geschafft von unzähligen Streckenbesichtigungen bei Regen und Kälte.

Endlich Raceday, Freitag, Jules Bikestart um 8.30 morgens. Viiieeel zu früh!! 6 Uhr aufstehen, Schoko präparieren, Gassi gehen, Wässern und die schnelle Maus mental auf das kommende vorbereiten😉, dazu noch alle anderen Hunde versorgen, mit Jule nochmal alles durch gehen, bevor sie um kurz vor acht zum Einfahren geht und ich mit Schoko zum Start nachkomme.  

Aufregung steigt, zehn Minuten vorher geht es in den Startkorridor …  alle Abläufe wie schon tausend mal davor, doch heute ist WM, zumindest mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Noch 10 sec., Karsten hält das Bike, ich bin vorne und gebe Schoko letzte Anweisungen. Jule und Schoko den Blick nach vorne gerichtet und fokussiert wie immer. Drei Sekunden, wir zählen runter und schon geht’s los. So wie ich die beiden kenne, Schoko katapultiert los und Jule jagt in ihrer typischen Haltung, ruhiger Oberkörper, dynamisch nach vorne gebeugt mit kräftigem Tritt, hinterher. Immer wieder Geil der Start!

Jetzt heißt es warten, zittern, Daumen drücken, hoffen und bangen. Ehrlich, das macht keinen Spaß, hilflos, ohne die Möglichkeit eingreifen oder helfen zu können, nicht zu wissen, was auf der Strecke passiert, einfach nur drauf hoffen, wann kommt sie um die Kurve und hoffentlich ist alles heil geblieben.  Die erste kommt ins Ziel, Hanna Bergmann, verdammt schnell 11.30 min. Da kommt Jule, gleichzeitig mit ihrer 30 sec. vor ihr gestarteten tschechischen Konkurrentin. 11.41 min, zweitschnellste Zeit, aber auf der Strecke lief einiges schief. Bald auf die Tschechin aufgefahren, ließ diese Jule nicht vorbei, zog immer an wenn sie vorbei wollte. Nach intensiveren Aufforderung kamen sie doch vorbei, aber wurde gleichzeitig durch “reinfahren” so blockiert, dass es fast zum Sturz kam. Schoko wurde dadurch sehr verunsichert, nahm raus und Jule hielt ihren hund hinter dem tschechischen Team um Schoko nocheinmal Sicherheit und Stärke für den Zieleinlauf zu geben.  Eine WM ist eine WM, aber Sportlichkeit sollte immer im Vordergrund stehen und die hier nicht nur sprichwörtlich ausgefahrenen Ellenbogen müssen nicht dringendst ausgefahren werden und so war Jule zwar überglücklich über die tolle Performance und Verhalten ihrer Hündin Schoko, allerdings etwas geschockt von dem Erlebten.

Tageswerk erledigt, mit dem zweiten Rang können wir sehr zufrieden sein und uns jetzt auf das NonStop Dogwear Teamtreffen und Fotoshoot freuen. Endlich lernen wir als NeuNonStopables

unsere Team-Mitglieder kennen und ja, ich gebe Tom recht, wir passen zu dem verrückten Haufen.  Sind toll aufgenommen worden und alle haben uns Hilfe und Team-Klamotten angeboten. Wir sind sehr stolz, Mitglieder eines so tollen Teams zu sein.

Der Samstag stand im Zeichen des Canicross. Die Läufe waren auf 14 Uhr gelegt, wir hatten also morgens etwas Zeit für uns, gemütlich Frühstücken, Kraft tanken …. und ja, nochmal im Dunkeln um 7 Uhr mit dem Bike die Strecke checken. Ich sag ja, Perfektionistin!

Startvorbereitung, diesmal mit Lischen, Jule läuft sich ein und ich bringe die Verrückte zum Start. Diesmal wurde im Doppelpack gestartet, Jule und Julita, drei, zwei, eins, los. Mein Part, zum Ziel und warten, hoffen und bangen. Endlich, da kommt sie, gesund und “nicht mehr so” munter. So langsam spürte man die Strapazen der letzten Rennen an, immer wieder Doppelstarts,  Laufen und Biken, Biken und laufen. Bin sehr stolz auf meine Frau, im Bike auf Platz zwei und beim laufen auf Platz drei liegend vor dem letzten Tag der WM.

Wir gingen zwar früh schlafen, aber an Schlaf nicht zu denken. Dank der Musherparty und der extrem lauten polnischen  Liveband mussten wir am Abschlusstag mit nur wenigen Stunden Schlaf auskommen, da der Wecker morgens früh um 5.30 Uhr klingelte. Start um 8.25.30 Uhr und Jule im halbdunkel davor nochmal die Strecke inspizieren. Durch den vielen Regen und die  Gespanne war die Strecke der Meinung vieler, unfahrbar und Jule bestätigte, verdammt schwer und gefährlich mit so schnellen Hunden. Eigentlich mehr Ausscheidungsrennen, dass viel von Glück abhängt. Aber wenn man nicht fährt, gewinnen andere, denn abgesagt wird sicher nicht.   Also noch einmal Schoko  vorbereiten, zum gefühlten 100 x das Bike putzen und ölen, ab zum Start, Anspannung aufbauen und schon geht’s los. Hinter Hanna als zweite raus, guter Start, jetzt wieder…….

Herz klopf, mindestens so schnell, als ob ich selbst gestartet bin, da zwei Fahrerinnen um die Kurve, fahren zusammen in Richtung Ziel. Man erkennt kein Trikot, kein Gesicht und keinen Hund vor lauter Schlamm. Kurz bevor die zwei die Ziellinie überquerten, erkannte ich Jule und Schoko, direkt neben Hanna. Wir sind Weltmeister schoss mir durch den Kopf,  ich machte mir fast in die Hosen vor Freude.  HAMMER, Jule hat es echt geschafft, mit Tagesbestzeit, einem gebrochenen Finger, einem blitzblauen Arm, einem riesen Achter im Hinterrad und einigen Stürzen auf der Rutschbahn ist sie Weltmeisterin geworden. Natürlich ging es den Konkurrentinnen auch nicht besser, alle machten hautnahe Bekanntschaft mit der Strecke, aber glücklicher  Weise ist nichts Schlimmeres passiert.

Die Siegesfeier musste allerdings warten, es galt ja noch, den Podestplatz beim Canicross zu verteidigen. Zwei Stunden später ging es also als dritte Starterin ab auf die Laufstrecke mit Lisa. Nur noch einmal durchhalten, Spannung aufbauen, was nach so einem Erfolg nicht leicht ist. Mit Krämpfen im Bein, wo sie am Vortag beim CC im Schlamm weggerutscht ist, kämpfte sich Jule ins Ziel, hielt mit großem Kämpferherz den dritten Platz, ich platzte vor Freude.

Jetzt folgten die Gänsehautmomente, mit ein wenig Verspätung begann die Siegerehrung, etwas kalt und viele Starter haben wegen der langen Heimfahrt schon den Rückweg angetreten,was der Stimmung aber keinen Abbruch tat. Schon ein erhabenes Gefühl,  seine Frau ganz oben auf dem Podest zu sehen und die Nationalhymne wird nur für sie gespielt. Ich glaube, ich habe auch etwas Wasser in ihren Augen gesehen.

Direkt danach ging es ins Auto auf den Heimweg, diesmal brauchten wir nur 20 Stunden, da der Stop bei unserem Freund um die Hunde wieder zurück zu bringen, nicht ganz so lange ausfiel wie auf der hinfahrt Zuhause angekommen waren wir sogar zu faul bzw. zu müde zum feiern,  das haben wir dann einen Tag später mit einer fetten Pizza nachgeholt.

Text von Marc Prins